Ethik und Macht

Der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz (1904 - 1969) hat in seinem Tagebuch bereits im Jahr 1956 eine Kritik an der (kommunistischen) Revolution und am Kommunismus formuliert, die nicht aus antikommunistischen Ressentiments, sondern aus einer ursprünglichen Sympathie speist. Dahinter steht der klare Blick für die Besessenheit von der Macht jeglicher Couleur.  

„Doch da kommt der Marxismus mit einer überaus scharfsinnigen und vorzüglichen Argumentation, die genau ins Schwarze trifft, nämlich in dieses >Ich<. Dein Ich - sagt er - ist von deinen Lebensbedingungen, vom Prozess deiner Geschichte geprägt worden – du bist so, wie deine Ausbeuterklasse dich geschaffen und definiert hat, deren Bewusstsein ganz in der Tatsache dieser Ausbeutung befangen und deren ganze Einstellung zur Welt dadurch verfälscht ist, dass sie nicht zugeben kann und darf, wie sehr sie auf das Aussaugen fremden Blutes eingestellt ist … Und das ist wohl der zentrale Gedanke des Kommunismus, der mir in zwei Punkte zerfällt: Erstens, dass der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist, dass also sein ganzes Verhältnis zur Welt von der Einstellung zum Menschen bestimmt wird. Zweitens, dass wir uns selbst nicht trauen dürfen; das einzige, was uns Persönlichkeit sichern kann, ist ein scharf ausgeprägtes Bewusstsein gerade für die Abhängigkeiten, die es prägen.

Aber jetzt – aufgepasst! Schauen wir ihnen in die Karten! Sehen wir einmal nach, was gespielt wird … und schon fliegt der unerhörte Schwindel auf, der diese ganze Dialektik zu einer Mausefalle macht. Denn das dialektische und befreiende Denken hört genau vor den Toren des Kommunismus auf: meine eigenen Wahrheiten darf ich in Zweifel ziehen, solange ich auf der Seite des Kapitalismus bin; diese Selbstkontrolle hat aber zu schweigen, wenn ich in den Reihen der Revolution stehe …

Springt diese unglaubliche Scheinheiligkeit jedes Kommunisten, selbst des ausgepichtesten Intellektuellen nicht ins Auge: solange es um die Destruktion der alten Wahrheit geht, fasziniert er uns durch die Freiheit des demaskierenden Geistes, durch die Forderung nach innerer Aufrichtigkeit; aber wenn wir uns von diesem Gesang betören und zu einer eigenen Doktrin führen lassen, rums, schlägt die Tür zu … Vergeblich suchst du dann nach neuen Abhängigkeiten, die dein Bewusstsein deformieren. Dein Bewusstsein ist befreit, von nun an sei voll Zuversicht. Dein >Ich< ist zu einem garantierten, vertrauenswürdigen >Ich< geworden …

 

Ich möchte diesen kaum merklichen, aber schweinischen Tonartwechsel dingfest machen, der stattfindet, wenn man auf ihr Terrain wechselt, diese plötzliche Verschlagenheit, diese peinliche Erfahrung im Gespräch mit ihm, dass das Licht unvermutet zur Finsternis wird – und du nicht mehr mit einem Aufgeklärten, sondern mit jemandem zu tun hast, der blind ist wie die schwärzeste Nacht. Freigeist? Ja, auf deinem Terrain. Auf seinem eigenen – ein Fanatiker. Ein Ungläubiger? Bei dir; bei sich selbst hegt er den fanatischen Glauben des Mönchs … Du meintest, eine nach Wahrheit dürstende Menschenseele vor dir zu haben, da siehst du plötzlich den verschlagenen Blick des Politikers aufblitzen … Das ist eine der schwersten Enttäuschungen, die man im Bereich der heutigen Ethik erleben kann, zeigt sich da doch, dass selbst die Demaskierung der Kräfte zu einer Maske wird, hinter der sich der uralten Wille zur Macht verbirgt …“

(Witold Gombrowicz: Tagebuch 1953-1969 Frankfurt am Main 2004, S. 328-330, gek.)